Wir sparen uns gesund?

Nach dem Bankenrettungsschirm in unbegreiflicher Höhe und den bisher eher vergeblichen Versuchen direkter Geldsubventionen für große Unternehmen (insbesondere Opel), schreien nun die Krankenkassen auf. Sie bräuchten einen Rettungsschirm, es könne doch unmöglich alles auf die Versicherten abgewälzt werden. Das große Kassensterben wird uns in apokalyptischem Maße vorgezeichnet und plötzlich tut man so, als hätte das niemand gewollt.

Doch, die von der Mehrheit des Volkes legitimierte Regierung und auch die vorherige, soweit das zu verstehen war, wollten doch seit jeher einen größeren Kassenwettbewerb mit einem gewissen Marktbereinigungseffekt. Was sonst vom Kartellamt kritisch beäugt wird, wurde hier kommentarlos als politischer Wille erklärt: “möglichst schnell zum Kassenoligopol” – (vgl: Gesetz zur Stärkung des Wettbewerbs in der gesetzlichen Krankenversicherung). Damit meinte man wohl die Pharmariesen und Ärzteschaft besser in den Griff zu bekommen. Und auch an anderer Stelle wird die freie Marktregulierung als Heilsbringer proklamiert, als ob wir uns jemals gesund sparen könnten, wenn die medizinische Versorgung zum Wettbewerb oder gar zum unlauteren Wettbewerb avanciert.

Könnte es nicht viel mehr sein, dass die vielen Profit-Center von der kleinen Arztpraxis bis zu riesigen Krankenhausketten, uns nicht weniger Leistung für mehr Geld bieten, weil die Geschäftsführer, zumeist selbst in großem Stil gewinnbeteiligt, und natürlich die in höchstem Maße ethisch selbstverpflichteten “shareholder” ja auch ein dickes Stück vom Kuchen abbekommen wollen und genau dieses Stück vom Kuchen von den Versicherten und Kassen mitbezahlt wird, welches keinerlei medizinische Gegenleistung einbringt. Und ist es nicht zwangsläufig im Sinne der “shareholder”, dass ihr Stück möglichst groß ist und geht das nicht zwangsläufig auf Kosten der medizinischen Versorgung?

Vielleicht sollten wir einmal darüber nachdenken, ob alle Dienstleistungen, inklusive der medizinischen Versorgung direkt proportional zum Maß des (unlauteren) Wettbewerbs, auch zu Wohlfahrt und Gesundheit führen? Vielleicht sollten wir anfangen bestimmte Bereiche, die ja aus guten Gründen in der öffentlichen Hand geführt wurden, dort auch mit Nachdruck zu verorten? Denn nicht alle Bereiche funktionieren als Profit Center besser denn als staatlich geführte Unternehmen. Ganz im Gegenteil: Sehen wir uns die Post an, die keine Post mehr ist, sondern Vertriebsstelle für allerlei, sehen wir uns die Telekom an, die von Kundennähe noch nichts gehört hat, sehen wir uns die Bahn an, die in ihrem halbprivatisierten Zustand und nach wie vor als großer Subventionsbetrieb auch nicht besser funktioniert als je zuvor. Und der Gesundheitsbereich zeigt ebenso – unlauteren Wettbewerb können wir hier nicht gebrauchen. Und: die hohen Managergehälter sind hier seit vielen Jahren nicht gerechtfertigt. Abfindungen entsprechend ein Skandal. Wir wollen diese Schnellpensionierungssysteme für Privilegierte nicht mehr!

Der Gedanke der Privatisierung solcher Bereiche mag ja verführerisch sein, ist aber nicht zu Ende geführt. Und spätestens wenn diese Umgestaltungen gezielt in Richtung unlauterer Wettbewerb getrieben wird, wofür durchaus die Politik verantwortlich gemacht werden muss, dann kann das auf keinen Fall mehr Einsparungen bedeuten, sondern hat ganz klar zur Folge, dass so genannte Investoren aus früher staatlich geführten Bereichen, eine sehr sichere Rendite ziehen, womit wir wieder bei der guten alten Schere wären, deren schmale rechte Seite nach oben strebt, während die dicke linke Seite sich bereits in die Erde bohrt.

Rufen wir also auf zur Wiederkehr einer zeitgemäßen und sozial zu Ende gedachten Politik. Und beurteilen allen Rest als: a-sozial!

Bildquelle: Augenmuskeloperation by Patrick J. Lynch, medical illustrator

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Wahrheit „= Eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbei zu kommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen.” Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), dt. Dichter

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