Leben oder nicht leben, das ist hier die Frage!

Gestern kam es zum großen Showdown im Deutschen Bundestag. Gegner und Befürworter der Präimplantationsdiagnostik bezogen ein letztes Mal Stellung, bevor es dann zur großen Abstimmung kam. Das Ergebnis ist mittlerweile hinlänglich bekannt (326 von 594 Abgeordneten stimmten für die PID) und seitdem ist eine “Volksdiskussion” im Gange, die ihresgleichen sucht.

Auf vielen Foren wird diskutiert und mitunter erbittert darüber gestritten, ob der medizinische Fortschritt, der ohne Frage mit der PID einhergeht, die ethischen Bedenken übersteigt. Stichworte wie Designerbabys oder genetische Qualitätskontrolle machen die Runde, Begriffe wie Rettungsgeschwister oder auch Menschenwürde sind in aller Munde.

Wir sind der Meinung, dass hier ein Schritt zu viel gemacht wurde. Bei aller Liebe zum Fortschritt (schließlich profitieren auch wir von den neuesten Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik) sind wir der Meinung, dass Eingriffe in die Natur möglichst gering gehalten werden sollten. Dabei kommen mir Gedanken an die gewalttätigen Auseinandersetzungen  von Gegnern des Projekts Stuttgart 21 mit der Polizei, den Volksauständen wegen des chinesischen “Drei-Schluchten-Dammes” (dem schätzungsweise 6 Millionen Bürger weichen mussten und durch den eine Fläche von 1.085 km² überflutet wurde) oder aber auch diverse Aktionen/Proteste der verschiedensten Tierschutzorganisationen zum Thema “Tierversuche in Laboratorien” oder auch “Störaktionen gegen PelzträgerInnen beim Wiener Opernball 2007“. Überall auf der Welt wird vehement gegen eben solche Eingriffe in/gegen die Natur demonstriert, da fragen wir uns natürlich, wieso wir im Bereich der Medizin so tolerant sind.

Ist medizinischer Fortschritt auf jeden Fall zu begrüßen? Wir sagen an dieser Stelle nein. Und das nicht nur aus ethischen Gründen wie im Falle der PID, sondern auch aus wirtschaftlichen/soziostrukturellen Aspekten. Bei der PID geht es uns gar nicht um die Frage wann Leben beginnt und wann nicht. Wir sind auch weit davon entfernt dafür eine Antwort zu haben. Uns geht es um den rein selektiven Aspekt, der mit dieser Maßnahme einhergeht. Und dabei hilft es auch nicht, wenn es in der Verantwortung der Eltern liegt zu entscheiden, ob sich ein Embryo weiterentwickeln darf oder nicht. Solche grundsätzlichen Entscheidungen sollten alleine der Natur überlassen bleiben, ohne dass der Mensch eingreifen darf (nur weil er es kann). Was bitte kann daran so falsch sein, schließlich hat uns die Evolution dorthin geführt, wo wir momentan stehen und sie wird das sicherlich auch weiterhin tun.

Und wer gibt uns die Garantie dafür, dass die PID auch nur in den engen Grenzen angewandt wird, die ihr gesetzt sind? Dass sich die Menschen von alleine daran halten werden ist doch nur ein frommer Wunsch. Die Vergangenheit hat uns in den verschiedensten Bereichen gezeigt, dass wir Menschen dazu neigen unsere Grenzen zu überschreiten, legal oder illegal.

Ach ja, einige Sätze noch zu den Bedenken die wir u.a. aus wirtschaftlicher/soziokultureller Sicht hegen. Mit fortschreitendem Wachstum der Weltbevölkerung und (zumindest in gut entwickelten Industrieländern) steigender Lebenserwartung des Individuums stellt sich sofort die Frage nach der Versorgungsproblematik (die in vielen Ländern der Erde schon jetzt eklatant ist) aber auch nach der Leistungsfähigkeit der sozialen Unterstützungssysteme (Krankenversicherungen, Rentensysteme, Pflegeversicherungen, soziale Netze etc.). Diese befinden sich, dort wo sie existieren, schon jetzt am Rande ihrer Leistungsfähigkeit, eigentlich oftmals schon darüber hinaus. Und real vorhandene Hungersnöte sind uns eigentlich auch schon lange nicht mehr fremd.

All dies wird, auch verstärkt durch den medizinischen Fortschritt, zu extremen sozialen Spannungen führen, die insbesondere bei der Versorgungsproblematik auch in kontinentübergreifenden Spannungen münden werden.  Und dafür gibt es sicherlich keine einfachen Lösungen.

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Über LuM

Wahrheit „= Eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbei zu kommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen.” Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), dt. Dichter

3 Kommentare

  • August 1, 2011 | Permalink | Antworten

    Bei aller berechtigter Skepsis gegen technischem Fortschritt darf man nicht außer acht lassen, daß sich gewisse Entwicklungen nur beschränkt eindämmen lassen. Das ist auch gar nicht wünschenswert, es geht eher darum, einen Diskurs zu finden, wie mit den neuen Möglichkeiten möglichst human umgegangen werden kann. Beispiel Stammzellenforschung: Die Möglichkeiten, die sich auftun, bis dato letale Krankheiten zu bekämpfen, sind fantastisch und sollten meiner Meinung nach auf jeden Fall gefördert werden. Diese medizinischen Errungenschaften dann wieder einer gorßen Menge zugänglich zu machen und nicht nur einer privilegierten Elite ist ein Ziel, daß auf keinen Fall sofort erreicht werden wird, aber angestrebt werden MUSS. Hier haben die Ethik und die Philiosophie in unserem nicht-mehr-so-neuen Jahrtausend einiges aufzuholen gegenüber den als Allheilmittel gehandelten Naturwissenschaften.

  • September 14, 2011 | Permalink | Antworten

    Interessante Thesen, die mir einleuchten, sich allerdings, meiner Meinung nach, mit einigen Wertvorstellungen der “modernen” Gesellschaft beißen.
    Ich glaube, dass absolut niemand der in der westlichen zivilisierten Welt lebt, von sich behaupten kann er würde versuchen den Eingriff in die, von ihm mehr oder minder geschätzte Natur gering zu halten. Selbstverständlich gibt es immer Menschen die versuchen daran zu erinnern, dass wir uns selbst als Teil dieser Welt und nicht als Herrscher derselben fühlen sollten. Doch wer lässt sich schon gerne die Krone der Schöpfung entreißen? Unser Dasein würde sich auf eine reine Anwesenheit beschränken und auf ein friedliches interessengebundenes Leben mit der Natur ala Maori, Indianer, oder Aborigines. Leben in Lehmhütten statt Prachtbauten. Nicht mehr Controller der Geschehnisse sondern allenfalls Symbiont, wenn auch eher Parasit, da der Nutzen der Natur durch und von uns immer noch ein geringer sein dürfte. Dennoch ist es essentiell dass wir unsere imaginäre „Macht“ nicht sinn- und skrupellos an der Natur auslassen immer mit dem profitgeilen Hintergedanken des 21. Jahrhunderts wie Pelzträgern und der dahinterstehenden Industrie es bewerkstelligen.
    Medizinischer Fortschritt um jeden Preis? Egoistisch und selbstverliebt wie der Mensch es ist und schon immer war „Lupus est homo homini“ (Thomas Hobbes 1558), glaube ich ist es unumgänglich, dass es zu dieser Einstellung der Menschheit gekommen ist. Überleben um jeden Preis. Organplantagen und Mediziner als Farmer der Zukunft? Von Evolution im klassischen Sinne kann keine Rede sein, besonders da sie stagniert sobald der Hilferuf der Moral und Ethik ertönt. Vielmehr ist es eine Selbstbestätigung unserer Rasse die Natur umgangen zu haben und ihr nicht mehr machtlos ausgeliefert zu sein. Die Zahl der Allergiker, Asthmatiker und Epileptiker nimmt Jährlich zu, Adipositas als neue Modeerscheinung der Vorschule, die Anpassung des BMI an unsere Gesellschaft, ein weiterer Schritt weg von der Evolution. Vom Überleben des Stärkeren und besser Angepassten kann nicht mehr die Rede sein. Also müssen wir eben unsere eigene Bequemlichkeit dadurch ausgleichen unsere defekten Organe und Genome auszutauschen. OP statt Fitnessstudio, MC Donald‘s statt Hausmannskost, Auto statt Fahrrad. Eine kranke Entwicklung, aufgehalten von einer ebenso kranken Art des Ersatzteilbaus? Ist das Haltbarkeitsdatum überschritten, einfach dieselbe Packung mit neuem Inhalt nochmal anbieten?
    Sehr hübsche Gedankengänge auch in der Überprüfung der ethischen Legalität! Auch Otto Hahn (Entdecker der Kernspaltung), sprach sich 1938 gegen den Einsatz seiner Forschung als Waffe aus. Das Ergebnis – Hiroshima und Nagasaki. Wir glaubten die Kernspaltung zu kontrollieren. Das Ergebnis – Tschernobyl und Fukushima.
    Was wird nun passieren wenn wir jeden Menschen, jedes Organ, jede Zelle und jedes Zelloorganell „kontrollieren“? Vielleicht erleben wir ja noch den Tag an dem wir die sog. Supersoldaten aus dem Reagenzglas nicht mehr auf der Leinwand im Film Cpt. America, sondern im Irak oder in Afghanistan bei spezial Missionen zur Bekämpfung des Terrorismus wiederfinden.
    Kleiner Denkanstoß in die hoffentlich richtige Richtung

    | rechtschreibfehler sind spezialeffekte meiner tastatur |

  • Februar 24, 2012 | Permalink | Antworten

    Ganz ehrlich… es geht nicht darum, wieder in den Dschungel zurückzukehren. Doch eben das scheint trotz allen Anscheins zu passieren: Während sich Wissenschaft (dabei auch einige Pseudowissenschaften) und Technik rasend fortentwickeln, entwickeln sich Moral und Ethik ebenso rasend zurück. Der Respekt vor dem Leben schwindet im Nu. Was herrscht, ist eben Wissenschaft/Technik – und natürlich das Geld. Jeder ist sich selbst der Nächste. Demokratie? Ein fadenscheiniger Euphemismus – Augenwischerei. Es herrscht das Recht des sozial/finanziell Stärkeren – analog zum Dschungelrecht des Stärkeren. Wer nicht ausreichend skrupellos ist, um da mitzumachen, wer nicht das Zeug zum Ausbeuter um jeden Preis hat, wer nicht über Leichen geht, muss sich von Minijob zu Minijob hangeln, landet am Ende u. U. eh beim JobCenter (klassissche, anständige Arbeitsplätze gibt es kaum noch, und sie werden immer weniger). Und da haben wir unseren modernen Dschungel… “Schöne Welt, wo du Reißzähne brauchst, Sieger bleibt nur das gierigste Tier (…)” (Musical “Les Misérables”, nach dem gleichnamigen Roman von Victor Huho) Gehört zu einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr als scheinbar allmächtige (Pseudo-)Wissenschaft und überzüchtete Technik? Gehört da nicht auch ein Maß an geistiger Entwicklung dazu? Und gehört zur geistigen Entwicklung nicht etwa auch ein Maß an Moralgefühl und Respekt vor dem Leben dazu? Der Gedanke, dass alle Menschen gleichwertig seien, ob krank, gesund, stark, schwach, hell- oder dunkelhäutig? Dass niemand zum Objekt verkommen darf? Dass insbesondere kranke, schwache, behinderte Menschen von der Gesellschaft geschützt und nicht eliminiert werden sollten (womöglich schon vor der Geburt, wie etwa mithilfe der PID)? Schon allein der Gedanke, der hinter der PID steckt, ist alarmierend. Durchaus sollte man sich die Frage stellen, wann Leben beginnt, bzw. wo die Grenze zwischen eigenem und fremdem Leben verläuft. Schon eine Zelle ist Leben. Und eine Zelle, aus der mal ein Kind, also ein eigenständiger Mensch werden soll, ist fremdes Leben mit vollster Berechtigung, die nicht infrage gestellt werden darf. Es wäre genauso, als ob man die Lebensberechtigung eines ausgewachenen Menschen infrage stellen würde. Mit welchem Recht nimmt sich der Mensch überhaupt das Recht, über Leben und Tod anderer Menschen zu entscheiden? Zu entscheiden, wer leben “darf”, wer nicht – wer also als “lebenswert”, wer als “lebensunwert” zu gelten hat? Und wo soll das hinführen? Wurden die zwölf schwarzen Jahre der ersten hälfte des 20. Jahrhunderts bereits vergessen? Es sind nicht alle Menschen gut. Machtsüchtige, gewaltbereite Menschen gab es schon immer, die gibt es, und es wird sie wohl auch in Zukunft geben. Mit manchen “Erkenntnissen” bzw. mit der Legalisierung ihrer praktischen Anwendung – angeblich zum Wohl des Volkes oder der Menschheit – gibt die Wissenschaft potentiellen Gewaltherrschern eine gefährliche Waffe in die Hände. Es reicht, dass ein falscher an die Macht kommt – mit was für verheerenden Folgen, und das schon mit relativ einfachen Mitteln aus dem Bereich der Pseudowissenschaft. Wären Wissenschaft und Technik damals so weit fortgeschritten, wie sie es heute sind, wer weiß, wo wir dann heute gelandet wären, ob wir überhaupt noch existieren würden…

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