Der Teflon-Präsident…

Heute Abend ist es so weit. Um 20.15 Uhr wird uns Christian Wulff im öffentlichen-rechtlichen Fernsehen mal wieder die Welt erklären. Zumindest so, wie sich die Welt aus seiner Sicht darstellt. Und ARD und ZDF werden einmal mehr gute Miene zum bösen Spiel machen, kritisch erscheinende Fragen stellen, die aber möglicher Weise im Vorfeld gut mit dem Pressestab des Präsidenten abgestimmt wurden. Schließlich soll es ja keine politische Hinrichtung werden, sondern der nächste Versuch, das höchste Amt der Bundesrepublik Deutschland aus einem Sumpf von Vorteilsgewährung und Vorteilsannahme etc. herauszuziehen.

Christian Wulff wird uns erläutern, welcher Ansammlung von hetzerischen und verleumderischen Anschuldigen sich ein Bundespräsident im 21. Jahrhundert ausgesetzt sieht. Und er wird uns, zumindest teilweise, den zutiefst zerknirschten Menschen geben, der sich in einigen wenigen unkontrollierten Momenten vielleicht nicht so verhalten hat, wie wir uns das von unserem Bundespräsidenten so vorstellen, nämlich staatsmännisch, rechtschaffen, moralisch gefestigt, eben ein Vorbild in allen Belangen des Lebens.

Da fällt mir doch gleich mal wieder uns aller Dichterfürst JWvG ein, der schon im Faust so zeitlos treffliche Sätze prägte wie z.B. “Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube” oder aber auch “Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn!

In diesem Sinne überrascht uns unser “Noch-Präsident” ja vielleicht positiv, zeigt menschliche Größe und tritt noch vor der Ausstrahlung des Interviews zurück. Man denke hier an die ehemalige Bischöfin Margot Käßmann, die wegen einer vergleichsweise Lappalie sofort die notwendigen Konsequenzen zog und ihr Amt aufgab. Ich fürchte fast, so viel menschliche Größe dürfen wir heute von Christian Wulff nicht erwarten.

Er wird wohl eher versuchen, auch die gescheiterte Einflussnahme auf die Redakteure von Bild und Welt als “Petitesse” darstellen, damit der ganze Schmutz an ihm abläuft, ohne auch nur einen Fleck an seiner ach so weißen Westen zu hinterlassen.

Wie Teflon (eigentlich richtig Polytetrafluorethylen) scheint auch unser Bundespräsident über Eigenschaften wie Reaktionsträgheit und Anhaftungsresistenz zu verfügen, Merkmale die man an einer guten Pfanne in der Küche zwar sehr schätzt, bei einem Politiker aber lieber nicht vorfinden würde.

Nein, ich bin nicht wirklich auf das Interview mit Christian Wulff gespannt. Und ich habe nach den Erkenntnissen der letzten Wochen ehrlich gesagt auch keinerlei moralischen Erwartungen mehr an “meinen/unseren” Präsidenten. Ich werde versuchen auch das einfach zu ertragen, in bester deutscher Staatsbürgertradition.

Etwas ist faul im Staate Deutschland möchte man fast in Anlehnung an William Shakespeare zitieren. Irgendwie scheinen einige der großen Dichter hellseherische Fähigkeiten gehabt zu haben, oder war die Welt schon immer so schlecht?

 

Foto: Martina Nolte

Lizenz: Creative Commons by-sa 3.0 de

Abwandlung/Collage: 2mcon bamberg

avatar

Über LuM

Wahrheit „= Eine Fackel, aber eine ungeheure; deswegen suchen wir alle nur blinzelnd so daran vorbei zu kommen, in Furcht sogar, uns zu verbrennen.” Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), dt. Dichter

Hinterlasse einen Kommentar

Sag was!

Deine eMail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

nach oben